773.000 Jahre alt:  Neues Puzzlestück zur frühen Menschheitsgeschichte 

von Dustin Welper

Ein internationales Forschungsteam um Jean Jacques Hublin, David Lefèvre und Serena Perini hat in Nature neue Homininenfossilien aus der Grotte à Hominidés, Thomas Quarry I, in der Region Casablanca in Marokko beschrieben. Das Material umfasst vor allem Unterkiefer und Zähne, ergänzt durch wenige weitere Knochenfragmente, unter anderem Wirbel. Entscheidend ist die Datierung, die Funde werden in die Größenordnung von etwa 773.000 Jahren eingeordnet.  

Warum genau dieses Zeit so wichtig ist

Der Zeitraum um rund 800.000 Jahre gilt als eine Phase, in der sich die großen Linien innerhalb der Gattung Homo über längere Zeit auseinanderentwickeln. Im Zentrum stehen dabei drei Linien, Homo sapiens, Neandertaler und Denisova Menschen. Ein Fund, der zeitlich so nah an dieser Übergangsphase liegt, liefert keinen einfachen Stammbaum mit klaren Abzweigungen, er kann aber helfen, die Vielfalt der damaligen Populationen und mögliche Entwicklungsrichtungen besser zu erkennen.  

Zähne als Archiv der Evolution

Dass das Material überwiegend aus Kiefer und Zähnen besteht, ist wissenschaftlich kein Nachteil. Zähne bewahren viele gut vergleichbare Merkmale. Die Studie nutzt neben der äußeren Form auch eine innere Struktur, z.B. die Schmelz Dentin Grenze, häufig als EDJ abgekürzt. Diese Grenzfläche ist weniger von Abnutzung beeinflusst als die Kaufläche und eignet sich deshalb besonders gut für robuste Formvergleiche. Die Analysen deuten auf eine Kombination von Merkmalen hin, teils eher archaisch, teils in Richtung späterer Muster, ohne dass sich alles sauber in eine bekannte spätere Gruppe einordnen lässt, genau das ist in solchen Übergangsphasen erwartbar.  

Homininenfunde aus Thomas Quarry I, dargestellt sind Unterkieferfragmente, Zahnreste und Wirbel, die im Paper für die morphologische Einordnung und die Vergleiche mit anderen frühen Homo Funden herangezogen werden.
Quelle: Hublin JJ, Lefèvre D, Perini S, et al., Early hominins from Morocco basal to the Homo sapiens lineage, Nature, 2026, CC BY 4.0.

Eine methodisch anspruchsvoll Datierung

Die zeitliche Einordnung basiert wesentlich auf Magnetostratigraphie und der Einbindung der Fundschichten in die Nähe der Matuyama Brunhes Umkehr. Im Artikel wird eine nominale Altersangabe von 773± 4 ka diskutiert, gleichzeitig werden abweichende Datierungen und deren Grenzen transparent behandelt. Für eine Blogeinordnung reicht daher, das Alter ist gut begründet, bleibt aber bei sehr alten Sedimentsequenzen grundsätzlich methodisch anspruchsvoll.  

Morphologische Einordnung

Taxonomisch bleibt die Studie bewusst vorsichtig. Die Autorinnen und Autoren interpretieren die Fossilien am ehesten als Vertreter einer nordafrikanischen Population innerhalb eines breiten Homo erectus sensu lato Formenkreises, also „erectus ähnlich im weiteren Sinne“, mit regionaler Variation.  

Am Unterkiefer wird unter anderem ein graciler, langer, niedriger und schmaler Corpus beschrieben, dazu eine nach hinten geneigte Symphyse. In der Symphysenregion werden weitere Details diskutiert, zum Beispiel ein kleines mentum osseum, außerdem wird eine deutliche submentale Einkerbung, submental incisura, am unteren Rand der Symphyse hervorgehoben. Insgesamt ergibt sich ein Mosaik aus Merkmalen, das gut zu einer Phase passt, in der Populationen bereits auseinanderdriften, ohne schon eindeutig das spätere Linienprofil von Homo sapiens, Neandertalern oder Denisova Menschen zu tragen.  

Atapuerca im Vergleich

Der Vergleich mit Atapuerca in Spanien, besonders mit Gran Dolina TD6, häufig mit Homo antecessor verbunden, dient im Paper als wichtiger Referenzrahmen. TD6 wird im Artikel zwischen 950 ka und 770 ka datiert und als potenziell relevante Vergleichsgruppe für diese Schlüsselzeit diskutiert, zugleich betonen die Autorinnen und Autoren, dass die marokkanischen Fossilien trotz Überschneidungen morphologisch unterscheidbar sind. In mehreren Zahnmustern wirken die spanischen Funde stärker in Richtung der später in Westeurasien ausgeprägten Neandertaler Morphologie verschoben, während die marokkanischen Fossilien ein eigenes nordafrikanisches Profil zeigen. Als knapper Kontext wird dabei, rein am Rand, erwähnt, dass solche Ähnlichkeiten und Unterschiede die Frage nach möglichen Kontakten zwischen Nordafrika und Südwesteuropa erneut aufwerfen, ohne daraus eine konkrete Route abzuleiten.  

Das größere Bild

Der Fund aus Casablanca erweitert die Datengrundlage für eine Zeit, die lange stark über europäische Fossilien diskutiert wurde. Gut datierte Funde aus Nordafrika sind besonders wertvoll, weil sie die Ausgangslage jener Phase greifbarer machen, in der sich die Linien zu Homo sapiens, Neandertalern und Denisova Menschen schrittweise herausbilden. Der wichtigste Gewinn ist deshalb weniger eine neue Schlüsselart, sondern ein neuer, gut verorteter Referenzpunkt in einem komplexen Evolutionskapitel über unsere letzten Gemeinsamen Vorfahren (LCA).  

Quellen
1. Hublin, J. J., Lefèvre, D., Perini, S., et al. Early hominins from Morocco basal to the Homo sapiens lineage. Nature (2026).  
2. Bermúdez de Castro, J. M., Arsuaga, J. L., Carbonell, E., Rosas, A., Martínez, I., Mosquera, M. A hominid from the Lower Pleistocene of Atapuerca, Spain, possible ancestor to Neandertals and modern humans. Science (1997) 276, 1392–1395.  
3. Falguères, C., Bahain, J. J., Yokoyama, Y., et al. Earliest humans in Europe, the age of TD6 Gran Dolina, Atapuerca, Spain. Journal of Human Evolution (1999) 37, 343–352.

Glossar

Schmelz-Dentin-Grenze, EDJ
Innere Grenzfläche im Zahn zwischen Zahnschmelz und Dentin, geeignet für Formvergleiche, weil sie weniger von Abnutzung beeinflusst wird.

Archaisch
Bezeichnet vormoderne Menschenformen innerhalb der Gattung Homo, die nicht oder nicht eindeutig Homo sapiens sind. Archaisch ist dabei eher eine morphologische Sammelbezeichnung über bestimmte körperliche Merkmale. 

Magnetostratigraphie
Zeitliche Einordnung von Sedimenten über die im Gestein gespeicherte Ausrichtung des Erdmagnetfelds.

Homo erectus sensu lato
Homo erectus im weiteren Sinne, ein breiter erectus ähnlicher Formenkreis, taxonomisch bewusst vorsichtig gefasst.

Letzter gemeinsamer Vorfahr, LCA
Meist keine Einzelperson, sondern eine Vorfahrenpopulation, aus der später verschiedene Linien hervorgehen.

Autor: Dustin Welper M.Sc.

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