Eine neue Studie von Williams et al. (2026) liefert frischen Zündstoff für eine der spannendsten Fragen der Menschheitsgeschichte: Wann begann der aufrechte Gang?
Der Fachartikel heißt „Earliest evidence of hominin bipedalism in Sahelanthropus tchadensis“ und wurde in Science Advances veröffentlicht.
Sahelanthropus tchadensis gilt als einer der frühesten Kandidaten nahe am Ursprung der Homininenlinie. Bisher stützten sich viele Debatten vor allem auf den Schädel. Die neue Arbeit setzt nun am Postkranium an, also an Knochen, die unmittelbar verraten, wie ein Körper sich bewegte. Im Fokus stehen ein Femurschaft (Oberschenkelknochen) und Teile einer Ulna (Elle).
Der Beweis liegt im Bein
Die Forschenden zeigen: In Form und Größe wirkt das Material in vielem schimpansen-ähnlich, aber funktionell trägt es klare Signale, die zu zweibeinigem Gehen passen. Am Femur identifizieren die Forschenden einen femoralen Tuberkel, eine kleine knöcherne Struktur, die als Ansatzstelle für das Ligamentum iliofemorale dient. Dieses Band stabilisiert bei Homininen die Hüfte in aufrechter Haltung; in dieser Ausprägung gilt das Merkmal als typisch für bipede Homininen.

Verdreht und funktional
Ein zweites starkes Indiz ist die Antetorsion des Femurschafts (eine Verdrehung). Die gemessenen Werte liegen im Variationsbereich der Homininen und gelten als Hinweis auf eine Beinmechanik, die den aufrechten Gang unterstützt, etwa über die Stellung von Knie- und Beinachse.
Eine Hüfte im Umbau, Arme zum Klettern und Beine zum Gehen
Auch die Morphologie am unteren Femur deutet auf einen homininartigen Glutealkomplex hin. Funktionell ergibt sich ein Bild, das zwischen sehr frühen Homininen (z. B. Orrorin, Ardipithecus) und späteren Formen vermittelt, als würde man einen Übergangsschritt im Bauplan der Hüfte sehen.
Die Ulna erzählt parallel eine andere Geschichte: Sie zeigt überwiegend affenartige Merkmale, die gut zu Klettern und arborealer Fortbewegung passen. Entscheidend ist die Kombination: Die Studie betont ausdrücklich, dass klettertaugliche Vorderextremitäten Bipedie nicht ausschließen. Statt „entweder Baum oder Boden“ entsteht das Bild eines mosaikartigen Bewegungsapparats: sicher im Geäst und zugleich fähig, am Boden regelmäßig aufrecht zu gehen.

Nicht ganz Mensch, nicht ganz Affe
Unterm Strich interpretieren Williams et al. Sahelanthropus als Vertreter einer sehr frühen Phase habitualer, aber nicht obligater Bipedie: zweibeinig als wiederkehrende, wichtige Option, aber noch nicht als alleiniger Standard. Damit rückt der Ursprung des aufrechten Gangs zeitlich sehr weit nach hinten und wird als schrittweiser Prozess sichtbar, der aus einem eher Affen-ähnlichen Vorfahrenkontext hervorgegangen sein könnte.
Udo aus dem Allgäu zeigt, dass Evolution experimentiert
Spannend wird das im Vergleich zu Danuvius guggenmosi („Udo“) aus dem Miozän Europas (ca. 11,6 Mio. Jahre): Auch dort sehen Forschende eine Mischung aus aufrechter Körperhaltung und starker Kletterfähigkeit. Der Unterschied liegt im Schwerpunkt: Bei Danuvius wird aufrechte Fortbewegung häufig stärker im arborealen Kontextdiskutiert, während die Femurmerkmale von Sahelanthropus eine deutlichere funktionelle Verschiebung in Richtung terrestrischer Bipedie nahelegen. Zusammen zeigen beide Funde: Aufrechte Körperhaltung ist kein „Einmal-Moment“, sondern wirkt wie ein evolutionäres Experiment, das in unterschiedlichen Zeiten und Räumen wieder auftaucht, ohne dass daraus automatisch direkte Verwandtschaft folgt.
Quellen
Williams, S. A. et al. (2026): Earliest evidence of hominin bipedalism in Sahelanthropus tchadensis. Science Advances; DOI: 10.1126/sciadv.adv0130.
Böhme, M. et al. (2019): A new Miocene ape and locomotion in the ancestor of great apes and humans. Nature, 575:489–493; DOI: 10.1038/s41586-019-1731-0.
Glossar
Bipedie
Bipedie bezeichnet die zweibeinige Fortbewegung. Beim Menschen ist sie obligat, das heißt dauerhaft. Bei frühen Homininen war Bipedie häufig habitual, also regelmäßig genutzt, aber noch mit anderen Fortbewegungsformen wie Klettern kombiniert.
Homininen
Als Homininen bezeichnet man jene Gruppe innerhalb der Menschenaffen, zu der der Mensch und alle näher mit ihm verwandten ausgestorbenen Arten gehören. Dazu zählen unter anderem Sahelanthropus, Ardipithecus, Australopithecusund die Gattung Homo. Charakteristisch für Homininen sind unter anderem anatomische Anpassungen an den aufrechten Gang.
Antetorsion des Femurschafts
Die Antetorsion beschreibt eine Verdrehung des Oberschenkelknochens (Femur) entlang seiner Längsachse. Dabei sind oberes und unteres Ende des Knochens nicht exakt gleich ausgerichtet. Bei Homininen steht diese Verdrehung in engem Zusammenhang mit der Bein- und Knieachse und beeinflusst, wie stabil und effizient zweibeiniges Gehen möglich ist.
Arboreal
Der Begriff arboreal bezeichnet eine an das Leben in Bäumen angepasste Lebens- und Fortbewegungsweise. Arboreal lebende Tiere bewegen sich vor allem kletternd oder hangelnd im Geäst fort. Viele frühe Homininen kombinierten arboreale Fortbewegung mit Phasen terrestrischer, also bodengebundener Bewegung.
